Was ist eine Radikulopathie?

Unter einem zervikoradikulären Syndrom oder einer zervikalen Radikulopathie versteht man eine Nervenwurzelreizung, beziehungsweise eine Nervenwurzelkompression im Bereich der Halswirbelsäule.

Die Nervenwurzelreizung ist gekennzeichnet durch Schmerzen oder Missempfindungen wie «Ameisenlaufen» oder «Kribbeln» in einem dazugehörigen Hautareal, welches der Spinalnerv sensorisch versorgt.

Bei der zervikalen Radikulopathie handelt es sich um ein Nervenwurzelkompressionssyndrom, welches zusätzliche Sensibilitätsstörungen und/oder Kraftverluste der Kennmuskeln, die ebenfalls von einem bestimmten Rückenmarkssegment motorisch versorgt werden, zur Folge hat.

Entstehung einer zervikalen Radikulopathie

Die häufigste Ursache für eine zervikale Radikulopathie ist eine Einengung der Nervenaustrittskanäle zwischen den Wirbelkörpern der Halswirbelsäule. Dabei können Nervenwurzeln, die sowohl sensorische, motorische als auch vegetative Nervenfasern enthalten, eingeengt und komprimiert werden.

Ursachen für die Einengung der Nervenkanäle können knöcherne, bandscheiben- und bandartige Veränderungen sein.

Wie unten im Bild abgebildet, können Abnutzungserscheinungen der Unkovertebral- (a) und Fazettengelenke (c) mit knöchernen Auswüchsen sowie Diskushernien (b) oder degenerative Bandscheibenveränderungen die Nervenwurzeln einengen. Bandscheibenvorfälle machen etwa 25-30% der zervikalen Radikulopathien aus. Abnutzungserscheinungen jedoch sind mit 70-75% die deutlich häufigere Ursache für zervikale Radikulopathien (Roth et al., 2009).

Vorkommen 

Neue genaue Angaben zum Vorkommen der zervikalen Radikulopathie sind unklar und die verfügbaren Daten sind begrenzt. In einer gross angelegten Studie wurde in der Vergangenheit herausgefunden, dass pro 100’000 Personen jährlich nachweislich zwischen 64 und 107 Personen von einer zervikalen Radikulopathie betroffen sind (Radhakrishnan et al., 1994).

Die zervikale Radikulopathie tritt am häufigsten im Bereich der 7. Nervenwurzel im Halswirbelsäulenbereich (C7) auf, gefolgt von der segmentalen Höhe C6 (Kim et al., 2016).

Symptome einer zervikalen Radikulopathie

In der akuten Phase wird das klinische Bild in den häufigsten Fällen von sehr starken Schmerzen und/oder Missempfindungen im Arm geprägt. Obwohl der Schmerz häufig armbetont ist, können zervikale Radikulopathien durchaus auch Nackenbeschwerden oder Beschwerden zwischen den Schulterblättern auslösen.

Die Schmerzqualität wird in den meisten Fällen als «einschiessend», «elektrisierend» oder als «scharf» beschrieben. Hinzukommen können sensorische Störungen (Sensibilitätsverminderung oder Taubheitsgefühle) sowie muskuläre Kraftverluste oder totale Ausfälle der Kennmuskulatur.

Mythen und Fakten

«Der Nerv stirbt ab.»

Falsch: Der Nerv wird zwar durch eine Bandscheibe oder knöcherne Strukturen komprimiert, jedoch 75-80% der Betroffenen erleben einen guten bis exzellenten Heilungsverlauf der Symptome.

«Ein Bandscheibenvorfall ist gefährlich und ich werde diesbezüglich nie wieder schmerzfrei sein.»

Falsch: Der Nerv kann zwar wie oben beschrieben durch eine bandscheibenartige Vorwölbung gereizt oder komprimiert werden, aber in den meisten Fällen heilt der Körper dies von selbst wieder ab.

Interessant dazu ist, dass ein Bandscheibenvorfall nicht unbedingt mit Schmerz, Sensibilitäts-/ oder Kraftverlust zusammenhängen muss. Im Gegenteil, die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Personen ohne Nackenschmerzen zahlreiche Veränderungen in Bezug auf die Bandscheibe aufweisen.

Wichtig: in der Physiotherapie behandeln wir Probleme (Schmerzen, anderweitige Symptome und Einschränkungen) und nicht Diagnosen. Denn Diagnosen können symptomfrei sein, Probleme nicht.

«Ich muss eine Halskrause tragen und darf den Nacken auf keinen Fall bewegen.»

Falsch: Dosierte Bewegung unterstützt den Heilungsprozess im Positiven und ist essentiell wichtig.

«Ich muss so schnell wie möglich operiert werden.»

Nein, eine Operation ist in den meisten Fällen nicht notwendig.

Wird eine oder mehrere Nervenwurzeln jedoch derart stark eingeengt, dass sensorische und motorische Ausfälle daraus resultieren, wird unter Absprache mit dem Spezialisten eine operative Versorgung in Erwägung gezogen.

Eine konservative Therapie zeigt in den häufigsten Fällen einen sehr guten Heilungsverlauf, wodurch die Symptome abklingen und die Funktionen wiedererlangt werden. Bei schnell auftretendem Sensibilitäts- und Kraftverlust sollen jedoch unverzüglich weitere Abklärungen erfolgen.

Falls die Symptome innerhalb von vier bis sechs Wochen unverändert bleiben oder eine Verschlimmerung auftritt ist ein MRT indiziert.

Selbstmanagement

Akut

Da in der akuten Phase die Schmerzen sehr stark sind, ist es wichtig, Entlastungsstellungen anzuwenden, damit die Schmerzen gelindert werden können. Legen Sie dabei den Unterarm / die Hand auf den Kopf, damit die Stärke der Ruheschmerzen sich am ehesten im Positiven beeinflussen lassen.

Für eine Entlastung beim Schlafen hilft häufig eine Erhöhung des Kopfes mittels Kissen, sodass die Nervenstrukturen entlastet werden können.

Führen Sie, falls möglich, dosierte, schmerzfreie Bewegungen aus und vermeiden Sie Zugbelastungen des Armes.

Zusätzlich können vom Arzt verschriebene entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente die Schmerzen lindern.

Weitere Verlaufsphasen

In den weiteren Verlaufsphasen einer zervikalen Radikulopathie, wo die starken Schmerzen und/oder das Kribbelgefühl abnehmen, kann die Therapie und Aktivität gesteigert werden.

Vermeiden Sie trotzdem schmerzprovozierende Bewegungen. Bewegen Sie sich stattdessen dosiert und führen Sie gezielte Übungen durch, welche Ihnen in der Physiotherapie gezeigt und gemeinsam geübt wurden.

In dieser Phase kann zudem begonnen werden, an der Ursache des Problems zu arbeiten. Dies beinhaltet die Haltungs- und Wahrnehmungsschulung, Kräftigung der Nacken- und Schultergürtelmuskulatur sowie die Verbesserung der Beweglichkeit der neuralen, aber auch knöchernen Strukturen.